Eine Richtigstellung vorab: Es geht um die Generalwahl
In der Themenvorgabe war von Kommunalwahlen und Bürgermeister-Stichwahlen im Oktober 2026 die Rede. Das ist nicht korrekt. Die Kommunalwahlen, bei denen unter anderem die Bürgermeister von São Paulo und Rio de Janeiro bestimmt wurden, fanden im Oktober 2024 statt. Im Oktober 2026 steht dagegen die Generalwahl an: Brasilien wählt einen Präsidenten oder eine Präsidentin, den Nationalkongress, Teile des Senats und die Gouverneure der Bundesstaaten. Die erste Runde ist für den 4. Oktober angesetzt, eine mögliche Stichwahl für Ende des Monats. Das ist ein erheblicher Unterschied, denn es geht um die Richtung des größten Landes Lateinamerikas.
Präsident Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei PT regiert seit dem 1. Januar 2023. Er kam nach einem äußerst knappen Sieg über Jair Bolsonaro ins Amt. Eine Woche nach seiner Amtseinführung stürmten Bolsonaro-Anhänger am 8. Januar 2023 Kongress, Präsidentenpalast und Obersten Gerichtshof in Brasília. Dieser Angriff prägt die politische Auseinandersetzung bis heute. Bolsonaro wurde 2025 vom Obersten Gerichtshof wegen eines Putschkomplotts zu einer langen Haftstrafe verurteilt und ist bei dieser Wahl nicht wählbar.
Das Bolsonaro-Lager ist damit nicht verschwunden. Es sucht einen Kandidaten, der die rechte Wählerschaft zusammenhält, ohne Bolsonaro selbst. Die Gouverneure der großen Bundesstaaten, vor allem in São Paulo, spielen dabei eine zentrale Rolle. Das Land bleibt politisch tief gespalten, und der Kongress wird von einem rechtsgerichteten Block dominiert, der Lula das Regieren erschwert.
Was bedeutet das für deutsche Leser?
Brasilien ist für Deutschland mehr als ein fernes Urlaubs- und Fußballland. Es ist der größte Soja-Produzent der Welt und ein Schwergewicht bei Eisenerz. Ein Teil des Sojas landet als Futtermittel in deutschen Ställen, und damit mittelbar in Fleisch, Milch und Eiern. Auch für die Energiewende ist das Land relevant, denn in Minas Gerais lagern Lithium-Vorkommen, die europäische Hersteller als Alternative zu chinesischen Lieferketten betrachten.
Hinzu kommt das EU-Mercosur-Abkommen, das nach über 25 Jahren Verhandlung eine Freihandelszone mit rund 700 Millionen Menschen schaffen soll. Die deutsche Industrie, vor allem Autobauer, Maschinenbau und Chemie, verspricht sich Zollerleichterungen. Landwirte fürchten dagegen Konkurrenz durch billigeres Rindfleisch, Geflügel und Zucker aus Südamerika. Der Streit läuft quer durch Europa, und der Ratifizierungsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Wer in Brasilien regiert, entscheidet mit, ob das Abkommen im Alltag mit Leben gefüllt wird oder in Auflagen und Streitigkeiten stecken bleibt.
Die wichtigsten Fakten im Überblick
- Generalwahl statt Kommunalwahl: Am 4. Oktober 2026 wird auf Bundesebene gewählt. Die Bürgermeisterwahlen waren 2024.
- Lula tritt als Amtsinhaber an: Er regiert seit Januar 2023 und muss seine Bilanz bei Wirtschaft und Sozialpolitik verteidigen.
- Demokratie unter Druck: Der Sturm auf die Regierungsgebäude vom 8. Januar 2023 wurde juristisch aufgearbeitet, die Verurteilung Bolsonaros gilt als historischer Einschnitt.
- Wirtschaft mit Licht und Schatten: Das Land wächst, doch hohe Preise und ein zeitweise sehr hoher Leitzins belasten Haushalte und Unternehmen. Die soziale Ungleichheit bleibt eine der größten Brasiliens.
- Amazonas-Schutz: Die Abholzung ist unter Lula gegenüber der Bolsonaro-Zeit deutlich zurückgegangen. Ein Machtwechsel könnte diesen Trend umkehren.
- EU-Mercosur: Das Abkommen könnte 2026 politisch weiter vorankommen, die Ratifizierung bleibt aber umstritten.
Hintergründe und Zusammenhänge
Warum die Wirtschaftslage über die Wahl entscheidet
Wahlen in Brasilien werden häufig am Supermarktregal entschieden. Lula profitiert von Sozialprogrammen wie dem Bolsa Família und von einem robusten Arbeitsmarkt. Gleichzeitig schmälern Lebensmittelpreise und hohe Kreditzinsen die Kaufkraft. Die Zentralbank hielt den Leitzins lange auf einem Niveau, das Investitionen bremst. Die Regierung steckt in einem Dilemma: Mehr Sozialausgaben stützen die Wählerschaft, treiben aber Haushaltsdefizit und Misstrauen der Märkte an.
Klimapolitik als Verhandlungsmasse
Der Amazonas-Regenwald ist ein globaler Kohlenstoffspeicher. Lula hat Kontrollbehörden wie Ibama gestärkt und Schutzgebiete ausgeweitet, die Abholzung sank in den Jahren nach seinem Amtsantritt spürbar. Zugleich hält Brasilien an der Förderung von Öl fest und erschließt neue Felder vor der Küste. Es ist ein Widerspruch, den die Regierung als Entwicklungsrecht begründet. Europäische Verbraucher sollten daher nicht davon ausgehen, dass Brasilien automatisch als Klimavorreiter auftritt.
Mercosur als geopolitisches Projekt
Das Abkommen ist längst nicht mehr nur ein Handelsvertrag. Angesichts von US-Zöllen und der Dominanz Chinas in südamerikanischen Märkten will die EU neue Partner binden. Brasilien wiederum nutzt die Verhandlungen, um bessere Bedingungen zu erreichen und Umweltauflagen als verdeckten Protektionismus zu kritisieren. Ein innenpolitisch geschwächter Lula wäre ein schwächerer Verhandlungspartner, ein Wahlsieg der Rechten könnte hingegen schärfere Konflikte um Umweltstandards bringen.
Ausblick und offene Fragen
Offen ist zunächst, wer das rechte Lager anführt und ob es sich auf einen gemeinsamen Kandidaten einigt. Davon hängt ab, ob es eine Stichwahl gibt und wie knapp sie ausfällt. Ebenso entscheidend ist, wie sich die Preisentwicklung und die Zinspolitik bis zum Herbst entwickeln. Bei den Gouverneurswahlen und im Kongress wird zudem geklärt, ob der nächste Präsident überhaupt Handlungsspielraum hat.
Für Europa ist die Frage, ob das Mercosur-Abkommen in Kraft tritt und mit welchen Schutzklauseln für Landwirtschaft und Regenwald. Beobachten sollte man auch, wie die Wahlbehörde und die Justiz mit Desinformation umgehen, die in Brasilien über Messenger-Dienste besonders schnell wirkt. Ob das Ergebnis am Wahlabend akzeptiert wird, ist nach dem 8. Januar 2023 keine Randfrage mehr.
