Die unterschätzte Gefahr im Rohrleitungssystem
Legionellen zählen zu den heimtückischsten bakteriellen Krankheitserregern im häuslichen und städtischen Umfeld. Die stäbchenförmigen Bakterien der Gattung Legionella – allen voran die Art Legionella pneumophila – kommen natürlicherweise in geringer Konzentration in Oberflächengewässern und im Grundwasser vor. Zum ernsthaften Gesundheitsproblem werden sie erst, wenn sie über das öffentliche Netz in künstliche Wassersysteme gelangen und dort Bedingungen vorfinden, die eine explosionsartige Vermehrung begünstigen.
Das Robert Koch-Institut (RKI) registriert in Deutschland jährlich zwischen 1.500 und 2.000 gemeldete Fälle von Legionellose. Epidemiologen gehen jedoch von einer erheblichen Dunkelziffer aus: Viele ambulant erworbene Lungenentzündungen werden nicht spezifisch auf Legionellen getestet. Experten schätzen die tatsächliche Zahl der jährlichen Infektionen auf das Fünf- bis Zehnfache der gemeldeten Fälle.
Die Infektion erfolgt nicht durch das Trinken von kontaminiertem Wasser, sondern ausschließlich über das Einatmen feinster, erregerhaltiger Wassertröpfchen (Aerosole). Typische Gefahrenquellen sind Duschköpfe, Whirlpools, Luftbefeuchter, gewerbliche Kühltürme sowie zentrale Klimaanlagen. Gelangen die Bakterien tief in die Lunge, können sie schwere Entzündungsprozesse auslösen.
Was bedeutet das für deutsche Haushalte und Mieter?
Für Verbraucher und Eigentümer entsteht zunehmend ein Spannungsfeld zwischen Energieeffizienz und Infektionsschutz. Angesichts hoher Energiekosten und der Umstellung auf moderne Heizsysteme wie Wärmepumpen senken viele Haushalte die Warmwassertemperatur in Speichern und Leitungen ab. Liegt diese jedoch im Bereich zwischen 25 und 45 Grad Celsius, finden Legionellen optimale Wachstumsbedingungen vor.
Die deutsche Trinkwasserverordnung setzt hier strenge Maßstäbe. Für Mehrfamilienhäuser mit zentraler Warmwasserbereitung und Speichern von mehr als 400 Litern Inhalt (oder mehr als drei Litern Wasserinhalt in der Rohrleitung zwischen Speicher und Entnahmestelle) gilt eine regelmäßige Untersuchungspflicht. Wird der technische Maßnahmenwert von 100 koloniebildenden Einheiten (KBE) pro 100 Milliliter Wasser überschritten, greift eine Meldepflicht an das zuständige Gesundheitsamt, gefolgt von einer Gefährdungsanalyse und Sanierungspflichten für den Vermieter.
Die wichtigsten Fakten und Krankheitsbilder
- Legionärskrankheit (Legionellen-Pneumonie): Eine schwere Form der Lungenentzündung mit Symptomen wie hohem Fieber über 39 Grad Celsius, Schüttelfrost, Reizhusten, Atemnot, Verwirrtheit und Muskelschmerzen. Die Sterblichkeitsrate liegt trotz intensiver medizinischer Behandlung bei 5 bis 15 Prozent.
- Pontiac-Fieber: Eine mildere Verlaufsform ohne Lungenbeteiligung. Sie äußert sich durch grippeähnliche Beschwerden, heilt meist nach zwei bis fünf Tagen von selbst aus und verläuft so gut wie nie tödlich.
- Inkubationszeit: Bei der Legionärskrankheit treten erste Symptome typischerweise 2 bis 10 Tage nach dem Einatmen der Erreger auf; beim Pontiac-Fieber bereits nach wenigen Stunden bis zu zwei Tagen.
- Gefährdete Personengruppen: Ältere Menschen, Raucher sowie Personen mit geschwächtem Immunsystem oder chronischen Herz- und Lungenerkrankungen tragen das höchste Risiko für schwere Verläufe. Männer erkranken statistisch häufiger als Frauen.
- Therapie: Da Legionellen intrazellulär in den Fresszellen der Lunge überleben, schlagen herkömmliche Standardantibiotika wie Penicilline oft nicht an. Eingesetzt werden spezifische Wirkstoffe aus den Gruppen der Makrolide oder Fluorchinolone.
Hintergründe: Warum veraltete Installationen und Stagnation zum Problem werden
Die strukturelle Ursache vieler Kontaminationen liegt im Gebäudeinneren. Das Phänomen des sogenannten Stagnationswassers ist besonders gravierend: Steht Wasser tagelang in selten genutzten Leitungen, Gästebädern oder leerstehenden Wohnungen, kühlt es ab und bietet Biofilmen an den Rohrinnenwänden idealen Nährboden. Legionellen nisten sich dort in Amöben und anderen Einzellern ein, was sie widerstandsfähig gegen Desinfektionsmaßnahmen macht.
Hinzu kommt die Sanierungsproblematik im Gebäudebestand. Während moderne Rohrnetze hydraulisch abgeglichen sind, weisen Altbauten häufig sogenannte Totstränge auf – abgetrennte oder blind endende Rohrleitungsabschnitte, in denen das Wasser dauerhaft steht und kontinuierlich Erreger in den Hauptstrom abgibt.
Ausblick und präventive Strategien
Um Trinkwasseranlagen dauerhaft frei von gefährlichen Erregerkonzentrationen zu halten, müssen technische Standards konsequent eingehalten werden. Der Warmwasserspeicher sollte am Ausgang dauerhaft auf mindestens 60 Grad Celsius eingestellt sein, während die Temperatur im gesamten Zirkulationsnetz nicht unter 55 Grad Celsius fallen darf. Kaltwasserleitungen wiederum müssen stets unter 20 Grad Celsius gehalten werden.
Für die kommenden Jahre rückt die automatisierte Überwachung in den Mittelpunkt. Digitale Sensorsysteme, die Temperaturverläufe in Echtzeit dokumentieren, sowie automatische Spülstationen in Gewerbe- und Wohnimmobilien gewinnen an Bedeutung. Nur durch das Zusammenspiel aus regelmäßiger Wartung, konsequenter thermischer Desinfektion und der Beseitigung von Stagnationsbereichen lässt sich das Risiko für die Bevölkerung nachhaltig minimieren.