Das schlummernde Virus: Wenn Windpocken zurückkehren
Nahezu jeder Erwachsene in Deutschland trägt den Erreger unbemerkt in sich: das Varizella-Zoster-Virus (VZV). Nach einer im Kindesalter durchgemachten Windpocken-Infektion verschwindet der Erreger nicht vollständig aus dem Organismus, sondern zieht sich lebenslang in die Nervenknoten entlang des Rückenmarks und der Hirnnerven zurück. Lässt die körpereigene Immunabwehr im Alter oder durch Vorerkrankungen nach, vermehren sich die Viren erneut und wandern entlang der Nervenbahnen an die Hautoberfläche. Das Resultat ist Herpes Zoster, im Volksmund als Gürtelrose bekannt.
Mit etwa 400.000 Neuerkrankungen pro Jahr zählt Herpes Zoster zu den häufigsten viralen Haut- und Nervenerkrankungen im Bundesgebiet. Betroffene leiden nicht nur unter dem charakteristischen, schmerzhaften Hautausschlag mit Bläschenbildung, sondern vor allem unter brennenden, stechenden Nervenschmerzen. Ab dem 50. Lebensjahr steigt die Erkrankungswahrscheinlichkeit sprunghaft an, da das Immunsystem im Rahmen der Immunoseneszenz die Kontrolle über ruhende Erreger schrittweise verliert.
Besonders gefürchtet ist die sogenannte postherpetische Neuralgie (PHN). Bei bis zu 30 Prozent der älteren Betroffenen heilt der Schmerz nicht mit dem Ausschlag ab, sondern verbleibt über Monate oder gar Jahre als chronisches Schmerzsyndrom. Bei Befall von Gesichtsnerven drohen zudem Sehkraftverlust oder bleibende Lähmungen, in seltenen Fällen auch Entzündungen der Hirnhäute und Blutgefäße.
Was bedeutet das für deutsche Leser?
Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut hat bereits 2018 klare Leitlinien formuliert: Die Impfung gegen Gürtelrose wird als Standardimpfung für alle Personen ab 60 Jahren sowie als Indikationsimpfung für chronisch Kranke oder Immungeschwächte ab 50 Jahren empfohlen. Für gesetzlich wie privat Versicherte bedeutet dies, dass die Kosten für den modernen Totimpfstoff vollständig von den Krankenkassen übernommen werden.
Im Gegensatz zu früheren Lebendimpfstoffen zeigt der rekombinante Totimpfstoff Shingrix auch bei älteren Patientengruppen eine Schutzwirkung von weit über 90 Prozent gegen den Ausbruch der Erkrankung sowie gegen die gefürchtete postherpetische Neuralgie. Das Impfschema erfordert zwei Dosen, die im Abstand von zwei bis sechs Monaten intramuskulär verabreicht werden. Trotz dieser klaren Empfehlung und voller Kostenübernahme liegt die Durchimpfungsrate in der relevanten Zielgruppe hierzulande bei ernüchternden 20 bis 25 Prozent.
Die wichtigsten Fakten im Überblick
- Hohe Schutzwirkung: Der adjuvantierte Totimpfstoff reduziert das Erkrankungsrisiko um über 90 Prozent und schützt effektiv vor chronischen Nervenschmerzen.
- Kostenlose Vorsorgeleistung: Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Impfkosten für alle Versicherten ab 60 Jahren sowie ab 50 Jahren bei vorliegenden Grunderkrankungen wie Diabetes, rheumatoider Arthritis oder COPD.
- Zwei Teilimpfungen: Für den vollständigen und langanhaltenden Impfschutz sind zwei Injektionen im Abstand von minimal zwei und maximal sechs Monaten zwingend erforderlich.
- Niedrige Impfquote: Trotz hoher Krankheitslast und STIKO-Empfehlung hat bisher nur etwa jeder vierte berechtigte Senior in Deutschland die Impfserie abgeschlossen.
Hintergründe und Zusammenhänge: Das Phänomen der Impfmüdigkeit
Dass die Impfquoten trotz eindeutiger Studienlage hinter den Erwartungen zurückbleiben, verweist auf strukturelle Defizite in der präventiven Gesundheitsversorgung. Während Kinderimpfungen durch die U-Untersuchungen fest im Versorgungsalltag verankert sind, fehlt im Erwachsenenalter oft ein systematischer Rahmen für Vorsorgeimpfungen. Viele Menschen nehmen ihren Hausarzt primär bei akuten Beschwerden in Anspruch; Beratungsgespräche zu Indikationsimpfungen finden im Praxisalltag oft zu wenig Raum.
Hinzu kommt eine weitverbreitete Unterschätzung der Krankheitsschwere. Gürtelrose wird in der Öffentlichkeit häufig als lästiger Hautausschlag wahrgenommen, nicht jedoch als potenziell behindernde Nervenerkrankung. Zudem scheuen manche Patienten die bekannten Impfreaktionen des Totimpfstoffs: Aufgrund des hochwirksamen Wirkverstärkers treten bei Shingrix relativ häufig vorübergehende Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit oder leichtes Fieber auf, die jedoch als normale Immunantwort nach ein bis zwei Tagen abklingen.
Ausblick und offene Fragen: Braucht es neue Versorgungswege?
Angesichts des demografischen Wandels und einer alternden Gesellschaft wird die Krankheitslast durch Herpes Zoster in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen. Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) fordern daher niedrigschwelligere Zugangswege und gezielte Erinnerungssysteme (Recall-Verfahren) in den Arztpraxen.
Diskutiert wird zudem, ob die Impfung künftig routinemäßig mit anderen Standard-Seniorenimpfungen, etwa gegen Influenza oder Pneumokokken, kombiniert angeboten werden sollte, um Versorgungslücken effizient zu schließen. Bis solche standardisierten Systeme greifen, bleibt die Eigeninitiative der Betroffenen der entscheidende Hebel zur Vermeidung schwerer neurologischer Spätfolgen.